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Mariano José de Larra

Aus dem Spanischen von Jeannette Schneider

Kommen Sie morgen wieder
(Artikel eines Schelms) 

Eine große Persönlichkeit muß es gewesen sein, der als Erster die Trägheit als Todsünde bezeichnete. Da wir schon in einem unserer vorigen Artikel ernster waren, als wir es uns je vorgenommen hatten, wollen wir jetzt nicht mit langen und tiefgründigen Forschungen nach der Geschichte dieser Sünde anfangen, wenngleich uns wohl bekannt ist, dass es Sünden gibt, die in die Geschichte eingehen, und daß die Geschichte der Sünden bestimmt auch recht lustig wäre. Einigen wir uns lediglich darauf, dass diese Institution schon so manch einem Christen die Tore des Himmels verschlossen hat und noch verschließen wird.
Vor ein paar Tagen war ich zufällig mit solchen Denkübungen beschäftigt, als in meinem Hause ein Ausländer vorstellig wurde, von der Sorte, die immer – sei es nun zum Guten oder zum Schlechten – von unserem Land eine übertriebene und hyperbolische Vorstellung haben müssen; einer von denen, die entweder glauben, dass die Menschen hier noch die ausgezeichneten, franken, großzügigen und ritterlichen Wesen sind wie vor zwei Jahrhunderten, oder dass sie noch immer die Nomadenstämme von der anderen Seite des Atlanten sind: im ersten Fall kommen sie mit der Vorstellung, dass sich unser Charakter so unversehrt erhalten hat wie unsere Ruinen; im Zweiten kommen sie zitternd auf diesen Wegen daher und fragen, ob es die Diebe sind, welche die Fremden berauben, oder irgend eine Wachmannschaft, die eben aufgestellt wurde, um sie gegen die Wechselfälle eines Weges zu verteidigen, wie sie in allen Länder vorkommen.
In Wahrheit ist unser Land keines von denen, die man auf den ersten und auch nicht auf den zweiten Blick kennenlernt; und wenn wir nicht fürchteten, dass man uns als verwegen bezeichnete, so würden wir es gut und gerne mit diesen Handspielen vergleichen: überraschend und unergründlich, wenn man ihr Blendwerk nicht kennt, die aber auf einer riesigen Bagatelle beruhen und wenn sie preisgegeben sind, verblüffen sie einen durch ihren geringen Scharfsinn, wo man sich doch eben noch das Gehirn marterte, um ihre merkwürdigen Ursachen zu ergründen. Oftmals läßt das Fehlen einer bestimmten Ursache der Dinge uns glauben, dass sie besonders tiefgründig sind, um sie vor unserer Durchdringung zu bemänteln. So groß ist der Stolz des Menschen, dass er lieber lauthals erklärt, dass manche Dinge unverständlich sind, wenn er sie nicht versteht, als einzugestehen, dass die Unkenntnis an seiner Dummheit liegen könne.
Wie dem auch sei, da viele unter uns die wahren Triebfedern, die uns bewegen nicht kennen, haben wir nicht das Recht, uns darüber zu wundern, dass Fremde sie nicht so einfach durchdringen können.
Einer jener Ausländer war es also, der in meinem Hause erschien, ausgestattet mit wichtigen Empfehlungsschreiben für mich. Verwickelte  Familienangelegenheiten, zukünftige Ansprüche und sogar umfassende Projekte, die in Paris ausgedacht wurden, um hier üppige Pfründe in diese oder jene industrielle oder kaufmännische Spekulation zu investieren waren die Gründe, die ihn in unser Vaterland führten.
An die Betriebsamkeit gewöhnt, in der unsere Nachbarn leben, versicherte er mir wohlerzogen, dass er gedachte, hier nur sehr wenig Zeit zu verweilen, vor allem, wenn er nicht bald ein sicheres Objekt fand, um darin sein Kapital zu investieren. Mir schien dieser Ausländer der Beachtung würdig; alsbald schloß ich Freundschaft mit ihm und voller Mitleid versuchte ich ihn davon zu überzeugen, so bald als möglich nach Hause zurückkehren, wenn er zu anderen Zwecken gekommen war, als müßig zu gehen. Er wunderte sich über meinen Vorschlag und es wurde daher notwendig, mich näher zu erklären.
„Sehen Sie,“ sagte ich ihm, „Monsieur Sans-délai“ denn so nannte er sich, „Sie kommen her, sind entschlossen hier fünfzehn Tage zu verbringen und ihre Angelegenheiten in dieser Zeit zu regeln.“
„Allerdings,“ antwortete er mir. „Fünfzehn Tage und das ist viel. Morgen früh suchen wir uns einen Genealogen für meine Familienangelegenheiten, am Nachmittag wühlt der in seinen Büchern, sucht meine Vorfahren und bis zur Nacht weiß ich schon, wer ich bin. Was meine Ansprüche betrifft, übermorgen lege ich sie vor, begründet durch die Angaben, welcher jener mir geben wird, ordnungsgemäß legalisiert, und weil es eine klare Sache sein wird und unleugbares Recht (denn nur in diesem Fall mache ich meine Rechte geltend) wird am dritten Tag der Fall entschieden und ich bin Herr über das Meinige. Hinsichtlich meiner Spekulationen, worin ich meine Pfründe zu investieren gedenke, bis zum vierten Tag werde ich schon meine Vorschläge präsentiert haben. Seien sie nun gut oder schlecht, zugelassen oder auf der Stelle abgewiesen, und wenn es fünf Tage sind; am sechsten, siebten und achten schaue ich mir an, was es in Madrid zu sehen gibt, ruhe mich am Neunten aus, am zehnten setze ich mich in die Postkutsche und, falls es nicht notwendig ist, länger hier zu bleiben, kehre ich in nach Hause zurück, und mir bleiben von den fünfzehn Tage noch fünf übrig.“ 
Als Monsieur Sans-délai an diesem Punkt ankam, bemühte ich mich, einen Lachanfall zu unterdrücken, der mir schon ein Weilchen im Körper umhertollte und wenn es auch meiner Erziehung gelang, meine unangebrachte Jovialität zu ersticken, war es doch nicht genug, um zu verhindern, dass sich auf meinen Lippen ein sanftes Lächeln des Erstaunens und des Mitleids breitmachte, denn seine dringenden Pläne ließen mich nur schwer die Würde in meinem Antlitz bewahren.
„Erlauben Sie mir, Monsieur Sans-délai“, sagte ich in einem Ton zwischen spöttisch und förmlich, „Erlauben Sie mir, dass ich Sie zum Essen einlade – an dem Tag, an dem Sie sich fünfzehn Monate in Madrid aufhalten.“
„Wie?“
„In fünfzehn Monaten sind sie noch immer hier.“
„Sie machen sich lustig?“
„Nein, keineswegs.“
„Ich werde nicht gehen können, wann es mir beliebt? Allerdings ist diese Idee komisch!“
„Sie sollten wissen, dass Sie nicht in Ihrem aktiven und arbeitsamen Land sind.“
„Ach! Die Spanier, die ins Ausland gereist sind, haben die Gewohnheit angenommen, immer schlecht von ihrem Land zu sprechen, um sich ihren Landsleuten überlegen zu machen.“
„Ich versichere Ihnen, dass Sie in den fünfzehn Tagen, mit denen Sie rechnen noch nicht einmal mit einer einzigen Person gesprochen haben, deren Mithilfe Sie brauchen.“
„Hyperbeln! Ich werde schon allen meine Tätigkeiten mitteilen.“
„Alle werden Ihnen ihre Trägheit mitteilen.“
Es war mir klar, dass Herr Sans-délai nicht bereit dazu war, sich anders als von der Erfahrung überzeugen zu lassen und ich schwieg daher, sehr sicher, dass die Geschehnisse nicht lange dauern würden, um für mich zu sprechen.
Der nächste Tag brach an und wir machten uns gemeinsam auf die Suche nach einem Genealogen, was man nur machen kann, indem man sich von Freund zu Freund und von Bekannten zu Bekannten durchfragt. Endlich fanden wir ihn, und der gute Herr, verblüfft unsere Eile zu sehen, erklärte frank, dass er sich etwas Zeit dafür nehmen müßte, aber wir drängten ihn und nach vielem Bitten sagte er uns definitiv, dass wir in ein paar Tagen wieder vorbeischauen sollen. Ich lächelte und wir gingen fort. Drei Tage vergingen: wir kamen wieder.
„Kommen Sie morgen wieder“, antwortete das Dienstmädchen. „Der Herr ist heute noch nicht aufgestanden.“
„Kommen Sie morgen wieder“, sagte sie uns am nächsten Tag. „Der Herr ist gerade ausgegangen.“
„Kommen Sie morgen wieder“, sagte sie uns anderntags. „Der Herr macht gerade seine Siesta.“
„Kommen Sie morgen wieder“, sagte sie uns am nächsten Montag. „Heute ist er bei den Stierkämpfen.“
„An welchem Tag und zu welcher Stunde besucht man einen Spanier?“ Wir trafen ihn endlich und „Kommen Sie morgen wieder“, sagte er uns. „Ich hatte es nämlich vergessen. Kommen Sie morgen wieder, es ist noch nicht in Reinschrift.“
Nach fünfzehn Tagen war es fertig, aber mein Freund hatte von ihm eine Auskunft über den Nachnamen Díez angefordert und er hatte Díaz verstanden, so dass die Auskunft nichts nutzte. In Erwartung neuer Beweise sagte ich nichts zu meinem Freund, der schon daran zweifelte, jemals seine Großeltern aufzufinden.
Klar, dass es ohne diesen Anfang auch keine Ansprüche geben würde.
Wegen der Angebote, die er hinsichtlich verschiedener nützlichster Einrichtungen und Unternehmen zu machen gedachte, war es erforderlich geworden, einen Übersetzer zu finden; dieselben Gänge wie der Genealoge ließ uns auch der Übersetzer durchlaufen, von morgen zu morgen brauchten wir bis zum Monatsende. Wir fanden heraus, dass er täglich Geld zum Essen brauchte, mit größter Dringlichkeit; jedoch fand er nie den richtigen Moment zum Arbeiten. Der Schreiber machte danach seinen Teil mit den Kopien, er füllte sie mit Lügen aus, denn einen Schreiber, der schreiben kann gibt es in diesem Land nicht.
Damit war es noch nicht genug: ein Schneider brauchte zwanzig Tage um ihm einen Frack zu machen, wo er ihn geheißen hatte, ihn in vierundzwanzig Stunden zu bringen; der Schuhmacher zwang ihn, durch seine Verspätung, fertige Stiefel zu kaufen; die Büglerin brauchte fünfzehn Tage, um ihm ein Oberhemd zu bügeln und der Hutmacher, dem er seinen Hut geschickt hatte, um den Hutrand zu ändern, hinterließ ihn zwei Tage lang mit unbedecktem Haupt, so dass er nicht aus dem Haus gehen konnte. Seine Bekannten und Freunde kamen zu keiner einzigen Verabredung und gaben auch keine Nachricht, wenn sie fernblieben, noch antworteten sie auf seine Mitteilungen. Was für eine Seriosität und Zuverlässigkeit!
„Was halten Sie von diesem Land, Monsieur Sans-délai?“ Als ich zu diesen Beweisen kam.
„Ich finde, dass es sich um einzigartige Menschen handelt... “
„Nun, so sind alle. Sie würden nicht essen, um nicht das Essen zum Mund führen zu müssen.“
Ein paar Tage kamen und gingen, dann präsentierte sich ein Angebot zur Verbesserung durch ein Gewerbe, das ich nicht anführen werde, es sei hiermit als äußerst effizient empfohlen.
Nach vier Tagen hörten wir wieder vom Geschick unseres Vorhabens.
„Kommen Sie morgen wieder“, sagte uns der Portier. „Der Tischoffizier ist heute nicht gekommen.“
„Triftige Gründe werden ihn zurückhalten“ sagte ich mir. Wir machten einen Spaziergang und trafen – was für ein Zufall! – den Tischoffizier im Retiropark, schwer beschäftigt, mit seiner Gattin eine Runde in der herrlichen Sonne des klaren Madrider Wintertages zu drehen.
Der folgende Tag war Dienstag und der Portier sagte uns:
„Kommen Sie morgen wieder, ihre Herrschaft hat heute keine Sprechstunde.“
„Große Geschäfte werden auf ihm lasten“ sagte ich.
Da ich der Teufel bin und schon Kobold war, suchte ich eine Gelegenheit, um den Blick durch das Schlüsselloch zu werfen. Ihre Herrschaft schnippte gerade eine Zigarette in das Glutbecken, und mit einer Ausgabe vom Kurier in den Händen wird es ihn wohl auch Anstrengung gekostet haben, es zu treffen.
„Es ist unmöglich ihn heute zu sehen“ sagte ich zu meinem Begleiter; „Ihre Herrschaft ist in der Tat sehr beschäftigt.“
Man gab uns gleich für den Mittwoch einen Termin und – welch ein Verhängnis! – der Akt war zur Vorlage gekommen, unglücklicherweise bei der einzigen unverzichtbaren Person die Monsieur (und seinem Plan) feindlich gesinnt war, weil es genau derjenige war, der durch ihn geschädigt wurde. So lebte der Akt zwei Monate in der Vorlage und kam so vorgelegt zurück, wie zu erwarten war. In Wahrheit war es uns leider nicht gelungen, jene Person zu verpflichten, welche diese innige Freundin des Informanten war. Jene Person hatte sehr schöne Augen, die ihn zweifellos in seinen verlorenen Stunden von der Gerechtigkeit unserer Sache überzeugt hätten.
Von der Vorlage zurück, verfiel man in der Abteilung unseres gesegneten Büros darauf, dass der sogenannte Akt überhaupt nicht in ihren Zuständigkeitsbereich fällt; man mußte also diesen kleinen Fehler berichtigen; man übergab ihn dem entsprechenden Zuständigkeitsbereich, Amtsstelle und Schreibtisch und ließ uns noch drei Monate am Schwanz unseres Aktes marschieren, wie das Frettchen, das ein Kaninchen sucht und es weder tot noch lebendig aus dem Bau holen kann. Es begab sich, dass der Akt aus der ersten Institution hinausging und nie bei der anderen ankam.
„Hier ging er mit Datum vom soundsovielten hinaus.“ Sagten sie im einen.
„Hier ist nichts angekommen.“ Sagten sie im anderen.
„Jede Wette!“ Sagte ich zu Monsieur Sans-délai, „Wissen Sie, dass unser Akt in der Luft geblieben ist wie die Seele des Feldmarschall Garibay und jetzt wie eine Taube auf irgendeinem Dach dieses geschäftigen Ortes gelandet ist?“
Man mußte einen neuen anfertigen. Zurück zu den Anstrengungen! Zurück zur Eile! Welch ein Wahn!
„Es ist unerläßlich“, sagte der Beamte mit geschwollener Stimme, „dass diese Dinge ihren normalen Verlauf nehmen."
Das heißt, der Schluß lag darin, wie der Tusch beim Militär, dass unser Akt ein paar Jährchen seinen Dienst tun mußte...
Schlussendlich, nach fast einem halben Jahr Anstieg und Abstieg, zur Unterschrift sein oder zur Vorlage, oder zur Zulassung, oder bei der Abfertigung oder unter dem Tisch und immer wieder morgen zu kommen, kam er mit einer Bemerkung am Rand, die lautete: „Trotz der Richtigkeit und Nützlichkeit des Planes des Antragstellers, abgelehnt“.
„Ach, Ach, Monsieur Sans-délai!“ Rief ich und lachte schallend, „so kenne ich unser Geschäft.“
Aber Monsieur Sans-délai zielte auf alle Beamten, das heißt soviel, als ob wir sagten auf alle Teufel.
„Dafür habe ich eine so lange Reise unternommen? Nach sechs Monaten soll ich nichts weiter erreicht haben, als dass man mir überall jeden Tag sagt: Kommen Sie morgen wieder? Und wenn dieses verflixte morgen endlich kommt, sagen sie uns rundweg nein? Und denen habe ich gerade Geld gegeben? Und gerade habe ich ihnen einen Gefallen getan? Da mußte schon die verwickeltste Intrige geschmiedet werden, um unsere Absichten zu vereiteln.“
„Intrige, Monsieur Sans-délai? Kein Mensch kann zwei Stunden lang einer Intrige folgen. Trägheit ist die wahre Intrige; ich schwöre ihnen, dass es keine andere gibt; das ist die große heimliche Ursache: es ist einfacher, Dinge abzulehnen als sie zu verstehen!“
Hier angekommen, will ich nicht einige der Gründe stillschweigend übergehen, aus denen die vorhergehende Ablehnung herrührt, obgleich ich etwas abschweife.
„Dieser Mann wird sich zu Grunde richten“ sagte mir eine sehr gewichtige und sehr patriotische Persönlichkeit.
„Das ist kein Grund“, gab ich zurück; „wenn er sich ruiniert, hätte man nichts, gar nichts verloren, wenn man ihm gewährte, was er verlangt; er würde die Strafe für sein Wagnis oder seine Ignoranz auf sich nehmen.“
„Wie soll er mit seinem Vorhaben enden?“
„Und wenn Sie annehmen, dass er sein Geld verschleudern und sich zu Grunde richten will, kann man denn hier nicht einmal sterben, ohne für den Tischoffizier eine Beschäftigung zu haben?“
„Es kann denjenigen schaden, die bisher auf andere Art dasselbe getan haben, was dieser ausländische Herr tun will.“
„Die es auf andere Art getan haben, das heißt schlimmer?“
„Ja, aber sie haben es getan.“
„Es wäre schade, wenn es damit zu Ende wäre, die Sache schlecht zu machen. Von wegen, weil man immer die Dinge auf die schlecht möglichste Art gemacht hat, muß man deshalb notwendigerweise auf die Bewahrer des Schlechten Rücksicht nehmen? Vorher sollte man schauen, ob die Alten nicht das Moderne gefährden.“
„So ist es festgelegt; so wurde es bis jetzt getan; so werden wir es auch weiterhin tun.“
„Aus diesem Grund sollte man Ihnen noch die Flasche geben, wie einem Neugeborenen.“
„Letztendlich, Herr Schelm, ist er ein Ausländer.“
„Und warum machen es nicht die Einheimischen?“
„Mit diesen Tücken kommen sie, um unser Blut zu saugen.“
„Mein Herr“ rief ich aus, mit meiner Geduld am Ende, „Sie sind in einem sehr allgemeinen Irrtum. Sie sind wie so viele, die diese teuflische Manie haben, allem Guten immer gleich Hindernisse in den Weg zu legen – auf dass sie überwinde, wer kann. Wir haben hier den verrückten Stolz, nichts zu wissen, alles erraten zu wollen und keine Meister anzuerkennen. Die Nationen, die es gehabt haben, wenn schon nicht das Wissen, so doch das Verlangen danach, haben keine andere Wahl gehabt, als auf diejenigen zurückzugreifen, die mehr wußten als sie.“
„Ein Ausländer“, fuhr ich fort, „der in ein Land geht, das ihm unbekannt ist, um darin sein Vermögen zu riskieren, bringt neues Kapital in Umlauf, trägt zur Gemeinschaft bei, er ist ihr ein immenser Gewinn mit seinem Talent und seinem Geld. Wenn er verliert, ist er ein Held; wenn er gewinnt ist es nur gerecht, dass er die Belohnung für seine Arbeit bekommt, denn er bietet uns Vorteile, die wir alleine nicht schaffen könnten. Dieser Ausländer, der sich in diesem Land niederläßt, kommt nicht, um daraus das Geld zu schöpfen, wie sie annehmen; notwendigerweise läßt er sich nieder und verwurzelt in ihm und nach einem halben Dutzend Jahre ist er schon kein Ausländer mehr, kann es nicht mehr sein; seine teuersten Interessen und seine Familie binden ihn an das neue Land, das er angenommen hat; er gewinnt den Boden lieb, auf dem er sein Glück gemacht hat, das Volk, aus dem er eine Gefährtin ausgesucht hat; seine Kinder sind Spanier und seine Enkel werden es sein; und anstatt das Geld herauszuholen, ist er gekommen um sein Geld zu bringen, das er investiert und vermehrt hat; er hat noch ein weiteres Kapital an Talenten dagelassen, das zumindest so viel wert ist wie das Geld; er hat den wenigen oder den vielen Einheimischen zu Essen gegeben, deren er sich notwendigerweise bedient hat; er hat eine Verbesserung vorgenommen und hat sogar zum Anstieg der Bevölkerung beigetragen mit seiner neuen Familie. Von diesen wichtigen Tatsachen überzeugt haben alle weisen und vorsichtigen Regierungen Ausländer zu sich gerufen: seiner großen Gastfreundschaft hat Frankreich immer seine Großartigkeit verdankt; der Ankunft von Ausländern aus aller Welt, die Rußland zu sich gerufen verdankt es, dass es eine der ersten Nationen in viel weniger Zeit geworden ist, als andere gebraucht haben, um die Letzten zu werden; den Ausländern verdanken es die Vereinigten Staaten... Aber ich sehe an Ihren Gesten“ endigte ich, indem ich mich bei passender Gelegenheit selbst unterbrach, „dass es sehr schwer ist, jemanden zu überreden, der überzeugt ist, dass man ihn nicht überreden darf. Tatsächlich, wenn sie bestimmen würden, könnten wir große Hoffnungen in Sie setzen! Zum Glück gibt es aufgeklärtere Männer als die, die das Sagen haben und die doch nur das Beste für ihr Land wollen und sagen: „Auf dass ein Wunder geschehe und auf dass es der Teufel tue.“ Mit der Regierung, die wir heutzutage haben, sind wir schon nicht daran, den Ignoranten oder den Arglistigen zu unterliegen, und vielleicht ist es jetzt erreichbar, dass die Dinge besser werden, wenn auch langsam, so schwer es den faulen Eiern auch fällt.
Als ich diese Philippika beendigt hatte, machte ich mich auf die Suche nach meinem Sans-délai.
„Ich reise ab, Herr Schelm“ sagte er mir. „In diesem Land hat man keine Zeit für nichts; ich werde mich darauf beschränken, zu sehen, was es in der Hauptstadt bemerkenswertes gibt.“
„Ach, mein Freund!“ Sagte ich ihm. „Geht in Frieden und wollen Sie nicht ans Ende ihres bißchen Geduld kommen – schauen Sie, die meisten unserer Dinge sieht man gar nicht.“
„Ist es möglich?“
„Wollen Sie mir denn nie glauben? Erinnern Sie sich der fünfzehn Tage...“
Eine Geste des Monsieur Sans-délai zeigte mir an, dass ihm diese Erinnerung nicht gefallen hatte.
„Kommen Sie morgen wieder“ sagte man uns überall, „weil man heute nichts sieht.“
„Reichen Sie eine Bittschrift ein, damit man ihnen eine besondere Erlaubnis erteilt.“
Das war ein Ding, das Gesicht meines Freundes zu sehen, als er das mit der Bittschrift hörte: er stelle sich im Geiste den Bericht vor, und die Anstrengungen, und die sechs Monate, und... Er gab sich damit zufrieden, zu sagen: „Ich bin Ausländer!“ Welch ausgezeichnete Empfehlung bei meinen liebenswürdigen Landsleuten!
Immer mehr geriet mein Freund aus der Fassung und immer weniger verstand er. Tage und Tage brauchten wir (wegen der Mitteilungen und dem wieder kommen), um die wenigen Raritäten zu sehen, die wir bewahrt haben. Endlich, nach einem langen halben Jahr, falls ein halbes Jahr länger sein kann als ein anderes, wurde mein Empfohlener seiner Heimat zurückgegeben und er verfluchte dieses Land und gab mir recht, was ich ja schon vorher hatte. Und so nahm er erstklassige Neuigkeiten über unsere Gewohnheiten ins Ausland mit, die vor allem verlauteten, dass er in sechs Monaten nichts weiter vollbracht hatte als immer morgen zurückzukommen, und bei so viel morgen, ewig in der Zukunft, tat er das Beste oder besser gesagt das Einzige, das er richtig machen konnte, nämlich fortzugehen.
Träger Leser (falls du schon bis an diese Stelle gekommen bist, wo ich gerade schreibe), ob er wohl recht hat, der gute Monsieur Sans-délai, wenn er schlecht von uns und unserer Trägheit spricht? Wird es möglich sein, dass er gerne morgen wieder kommt und unsere Heimat besucht? Doch lassen wir diese Frage für morgen, denn du bist schon des Lesens müde: wenn du morgen oder an einem anderen Tag nicht gerade, wie gewöhnlich, zu faul bist, an das Bücherregal zu gehen, zu faul bist, die Hände aus den Taschen zu nehmen, und zu faul bist, die Augen zu öffnen, um die wenigen Blätter durchzusehen, die ich dir schon geben kann, erzähle ich dir - und mir selbst, dass ich das alles sehe und kenne und noch viel mehr verschweige. Es ist mir oft so ergangen, von diesem Einfluß getrieben, eine Ausgeburt des Klimas und anderer Ursachen, vor Trägheit mehr als nur eine amouröse Eroberung zu verlieren, mehr als ein angefangenes Vorhaben aufzugeben und Hoffnungen auf mehr als nur eine Anstellung zu verlieren, die mir möglicherweise, mit mehr Geschäftigkeit, leicht zugänglich gewesen wären und sogar darauf zu verzichten, weil ich zu träge war, einen angebrachten oder notwendigen Besuch bei gesellschaftlichen Verbindungen zu machen, die mir im Verlauf meines Lebens von großem Nutzen gewesen wären. Ich gestehe dir, dass es keine Angelegenheit gibt, die ich heute erledigen kann und nicht auf morgen verschiebe; ich berichte dir, dass ich um Elf aufstehe und Siesta halte; dass ich als fünftes Bein eines Tisches im Café durchginge und ich rede oder schnarche wie ein guter Spanier sieben oder acht Stunden nacheinander. Ich gebe zu, wenn man das Café schließt, schleppe ich mich langsam zu meinem täglichen Literaturzirkel (denn aus Trägheit habe ich nicht mehr als einen), und eine Zigarette nach der anderen wird es Mitternacht oder ein Uhr früh und ich sitze auf einen Ehrenstuhl genagelt und gähne dabei unaufhörlich; dass ich aus Trägheit vielmals nicht zu Abend esse, und aus Trägheit nicht zu Bett gehe. Schließlich, Leser meiner Seele, erkläre ich dir, dass ich, so oft ich in diesem Leben auch schon verzweifelt war, mich doch nie erhängte und zwar immer aus Trägheit. Und ich schließe für heute, indem ich dir gestehe, dass es schon über drei Monate her sein muß, dass ich obenan in meinen Notizen den Titel dieser Geschichte stehen habe, die ich Kommen Sie morgen wieder nannte; dass ich seither all die Nächte und viele Nachmittage ein wenig daran schreiben wollte und jede Nacht löschte ich mein Licht und sagte zu mir selbst mit der albernsten Leichtgläubigkeit an meine eigenen Entschlüsse: Eh, morgen werde ich es schreiben! Sei es gedankt, dass dieses morgen endlich gekommen ist, denn wehe dem morgen das niemals kommt!

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