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Benito Pérez Galdós

Aus dem Spanischen von Jeannette Schneider

Wo ist mein Kopf?

- I -

Schon bevor ich erwachte, bot sich meinem Geist jener schreckliche Fall dar, in Form eines beklemmenden Verdachts, wie eine tiefgründige Traurigkeit, eine grausame Farce meiner vom Teufel geplagten Nerven, die sich mit tragischem Humor widersetzten. Ich erwachte; ich wagte nicht, mich zu bewegen; ich hatte nicht den Mut, mich zu untersuchen und die Sinne um die materielle Bescheinigung dessen zu bitten, was in meiner Seele schon den ganzen Wert des Wissen besaß... Endlich, mehr aus Neugierde als aus Schrecken, streckte ich meine Hand aus, ich berührte mich, befühlte... Unmöglich mein Entsetzen zu beschreiben, als ich die Hand von der einen Schulter bis zur anderen gleiten lies, ohne auf etwas zu stoßen ... Der Schreck verbat mir die Berührung dieses Teils, ich würde nicht sagen, dieses schmerzhaften Teils, denn ich spürte überhaupt keinen Schmerz... den Teil, den diese unglaubliche Verstümmelung unbedeckt lies ... Endlich legte ich meine Finger auf den Wirbel, abgetrennt wie ein Kohlstrunk; ich befühlte die Muskeln, die Sehnen, die Blutgerinnsel, alles trocken, unempfindlich, neigte schon dazu zu verhärten, wie ein dicker Brei, der beim Kontakt mit der Luft erstarrt... Ich steckte den Finger in die Luftröhre; ich hustete... ich steckte ihn auch in die Speiseröhre, die automatisch funktionierte und ihn schlucken wollte... ich betastete den Zirkel aus Haut mit scharfen Kanten... Nichts, es gab keinen Zweifel mehr. Der unfehlbare Tastsinn bestärkte diese schreckliche, unerhörte Tatsache. Ich, ich selbst, zugegebenermaßen lebendig, denkend und sogar in perfektem Zustand physischer Gesundheit, hatte keinen Kopf.

- II -

Eine ganze Weile blieb ich unbeweglich und schweifte in schmerzliche Vorstellungen ab. Mein Geist begann, nachdem er mit allen möglichen Gedanken gespielt hatte, seine Aufmerksamkeit auf die Umstände meiner Enthauptung zu richten. Hatte mich die Hand des Henkers im Verlauf der Nacht geköpft? Meine Nerven bewahrten keinerlei Erinnerung an die scharfe Schneide des Messers. Ich suchte in ihnen irgendeine Spur nach furchtbarem und vorübergehendem Schrecken, fand sie jedoch nicht. Ohne Zweifel war mein Kopf mittels eines unbekannten, anatomischen Vorgangs vom Rumpf getrennt worden und der Fall war eher wie ein Raub anzusehen, denn als Mord - eine heimtückische Entwendung, ausgeführt von geschickten Händen, die mich wehrlos überraschten, allein und tief schlafend.

In meiner Trauer und Verwirrung erleuchteten gelegentliche Hoffnungsschimmer mein Sein. Instinktiv richtete ich mich im Bett auf, schaute nach allen Richtungen und glaubte auf dem Nachttisch, auf irgendeinem Stuhl, dem Fußboden, das zu finden, was nach der Strenge der anatomischen Wahrheit auf meinen Schultern sein müßte, doch nichts... ich fand ihn nicht. Sogar wagte ich es, unter dem Bett nachzuschauen... und auch dort nicht. Ähnliche Konfusion hatte ich mein Lebtag nicht gehabt, noch glaube ich, dass sich je ein Mensch in dergleichen Verwirrung befunden habe. Mein Staunen war so groß wie mein Schrecken.

Ich weiß nicht, wieviel Zeit ich in dieser stummen und verängstigten Verworrenheit verbrachte. Endlich drängte sich mir die Notwendigkeit auf, zu rufen, die Hüter des Haushalts um mich zu versammeln, die Freundschaft, die Wissenschaft. Ich wünschte und fürchtete es und der Gedanke an das Entsetzen meines Dieners wenn er mich sähe, erhöhte außerordentlich meine Beklemmung.

Aber es gab keine Wahl, ich rief... Wider mein Erwarten, war meine Kammerhilfe nicht so erstaunt wie ich geglaubt hatte. Wir schauten uns eine Weile schweigend an.

- Du siehst ja, Pepe, sagte ich ihm und bemühte mich, dass der Ton meiner Stimme die Schwere dessen, was ich sagte noch milderte. - Du siehst es ja: ich habe keinen Kopf.

Der arme Alte sah mich mit stillem Mitleid an, sah mich eindringlich an, als drückte er die Unheilbarkeit meines Kummers aus.

Als er sich von mir abwandte, von seinen Pflichten gerufen, fühlte ich mich so allein, so verlassen, dass ich ihn wieder rief, in jammerndem Ton und noch mürrisch, und sagte ihm mit einer gewissen Bitterkeit:

- Ihr könntet ja nachsehen, ob er irgendwo ist, im Kabinett, im Salon, in der Bibliothek... Euch fällt nichts ein.

Kurz darauf kam José zurück und mit seinem bekümmerten Gesicht und einer Geste der unendlichen Mutlosigkeit, sagte er mir, ohne ein einziges Wort zu gebrauchen, dass mein Kopf nicht auftauchte.

- III -

Der Morgen schritt voran und ich beschloß aufzustehen. Während ich mich anzog, lachte in meinem Innern wieder die Hoffnung.
- Ach! - dachte ich, ganz sicher ist mein Kopf in meinem Büro... Na so was, dass mir das nicht vorher eingefallen ist! .... Was für ein Gedächtnis! Gestern Nacht arbeitete ich bis weit vorgerückter Stunde... Woran? Ich kann mich einfach nicht daran erinnern, aber es wird wohl mein Vortrag - Abhandlung über die philosophisch - soziale Arithmetik gewesen sein, das heißt „Die Reduzierung aller metaphysischen Wissenschaften auf numerische Formeln“. Ich erinnere mich, achtzehn mal einen Abschnitt von unerhörter Tiefe geschrieben zu haben, ohne dass es mir ein einziges Mal gelang, meine Gedanken richtig auszudrücken. Es kam so weit, dass ich die Gehirnregion schrecklich erhitzt fühlte. Die siedendheißen Gedanken kamen mir aus Augen und Ohren, zerplatzten wie Luftblasen und ich fühlte eine unwiderstehliche Glut, eine kongestive Verstopfung, die mich über alle Maßen beunruhigte...

Und nachdem ich diese Eindrücke verbunden hatte, gelang es mir, mich eindeutig einer Tatsache zu erinnern, die wieder Ruhe in meine Seele zurückbrachte. So gegen drei Uhr in der Frühe, schrecklich belästigt durch das Glühen meines Gehirns und als ich keine Linderung fand, wie ich mit der Hand über die Glatze strich, nahm ich den Kopf mit beiden Händen, neigte ihn nach und nach, wie jemand der einen sehr festsitzenden Korken entfernt, und endlich, mit einem ganz leichten Jucken im Hals... entfernte ich ihn und legte ihn vorsichtig auf den Tisch. Ich fühlte eine große Erleichterung und ging erfrischt zu Bett.

- IV -

Diese Erinnerung gab mir die Ruhe zurück. Bevor ich mit dem Anziehen fertig war rannte ich ins Büro. Fast bis zur Decke reichten die Stapel von Büchern und Papieren, die auf dem Tisch lagen. Berge der Wissenschaft, Stapel der Gelehrtheit! Ich sah die verräucherte Lampe, das Tintenfaß, außen so schwarz wie von innen, tausend Zettel voll mit winzigen Nummern - aber den Kopf sah ich nicht.
Neuerliche Angst. Die letzte Hoffnung lag darin, ihn in einer der Schubladen des Tischs zu finden. Es war gut möglich, dass beim Verstauen des enormen Durcheinanders von Aufzeichnungen der Kopf zwischen sie geraten war, wie ein Blatt Trockenpapier oder ein neues Heft. Ich durchsuchte alles, blätterte Blatt für Blatt um, doch nichts... Dort auch nicht! Auf Zehenspitzen schlich ich aus meinem Büro, um Lärm zu vermeiden, denn ich wollte nicht, dass meine Familie mich hörte. Von neuem kletterte ich ins Bett und tauchte in schwarze Meditationen ein. Was für eine Lage, welch ein Konflikt! Plötzlich konnte ich nicht mehr auf die Straße, denn das Erstaunen und das Grauen der Vorübergehenden würden neue Marter für mich sein. Nirgendwo konnte ich meine enthauptete Persönlichkeit präsentieren. Der Spott der Einen, das Mitleid der Anderen, die Befremdung von allen bestürmten mich schrecklich. Meinen Vortrag - Abhandlung über die philosophisch - soziale Arithmetik konnte ich nicht mehr beenden, und ich konnte auch keinen Trost darin finden, in der Akademie die voluminösen Kapitel vorzulesen, die von diesem wichtigen Werk schon geschrieben waren. Wie konnte ich mich vor meinen ehrenwerten Kameraden mit einer solch lästigen Verstümmelung präsentieren! Nicht auszudenken, dass ein geköpfter Körper rednerische Würde hätte, oder literarische Darbietung...! Unmöglich! Ich war erledigt, für immer verloren.

- V -

Die Verzweiflung brachte mir die rettende Idee: den Fall sofort mit meinem Freund zu besprechen, dem Doktor Miquis, einem Mann von großem, neuzeitlichen Wissen, philosophischer Arzt und, bis zu einem gewissen Punkt priesterlich, denn es gibt keinen, der Kranke tröstet wie er, wenn er sie nicht heilen kann oder sie glauben macht, dass sie weniger leiden als sie leiden.
Der Entschluß ihn aufzusuchen ermutigte mich: eilig zog ich mich an. Ach! Was für ein merkwürdiges Gefühl, als ich mich vermummte und mein Cape von einer Schulter zur anderen schwang und dabei den Hals zudeckte, wie eine Serviette den Teller, damit keine Fliegen hinein fallen! Und als ich aus meinem Schlafzimmer trat, dessen Tür wie bei alten Häusern niedrig ist, mußte ich mich beim hinausgehen nicht bücken, wie ich es mein ganzes Leben gewohnt war. Ich ging ganz aufrecht hinaus und es war noch eine Handbreit Tür übrig.
Ich ging hinaus und wieder hinein um mich der Verkleinerung meiner Statur zu vergewissern, und dabei verstärkte sich die Lust, mich im Spiegel anzusehen derart, dass ich der Versuchung nicht widerstehen konnte und geradewegs zum Spiegelschrank ging. Dreimal näherte ich mich und ebenso oft hielt ich an, ohne genügend Mut zu finden, um mich anzusehen... Am Ende sah ich mich... Haarsträubende Gestalt! Ich war wie eine bucklige Amphore, mit kurzem Hals und sehr großen Henkeln. Der Schnitt des Genicks erinnerte mich an die Modelle aus Wachs oder Kitt, die ich tausend Male in anatomischen Museen gesehen hatte.
Ich ließ einen Wagen rufen, denn mich erschreckte die Vorstellung, auf der Straße gesehen zu werden, und dass mir die Straßenjungen nachliefen und ich Schrecken und Spaß der Menge sei. Schnell schlüpfte ich in das Gefährt. Der Kutscher bemerkte nichts und während der Fahrt beachtete mich keiner.
Glücklicherweise fand ich Miquis in seinem Büro und er empfing mich wie gewohnt mit geistreicher Freundlichkeit, wobei er mit professioneller Geschicklichkeit das Erstaunen verbarg, das ich ihm verursachen mußte.
- Du siehst schon, mein lieber August - sagte ich ihm und ließ mich in einen Sessel fallen - du siehst schon was mit mir los ist...
- Ja, ja - gab er händereibend zurück und sah mich aufmerksam an - Ich sehe schon, ja... Das ist keine Sache des Vorbeugen.
- Dass es keine Sache des Vorbeugen ist!
- Ich will sagen... Auswirkungen des schlechten Wetters, dieser verteufelt kalte Ostwind...
- Der kalte Wind ist der Grund für...!
- Warum nicht?
- Das Problem, lieber August, ist zu wissen, ob sie ihn mir gewaltsam abgeschnitten haben oder er mir durch einen anatomisch - diebischen Vorgang entwendet wurde, was eine große und verblüffende Neuigkeit in der Geschichte der menschlichen Arglist sein würde.
So schwerfällig war der scharfsinnige Doktor an jenem Tag, dass er mich nicht verstand. Endlich, nachdem ich ihm meine Ängste berichtet hatte, schien er zu begreifen und sofort schlug mir sein fruchtbarer Geist tröstende Ideen vor.
- Der Fall ist nicht so schlimm, wie es scheint - sagte er mir - und fast, fast wage ich es zu versprechen, dass wir ihn sehr bald finden werden. Vor allem solltest du dich in Geduld und Ruhe üben. Der Kopf existiert. Wo ist er? Das ist das Problem.
Dies gesagt, ließ er aus jenem Mund einige so angenehme Gelehrtheiten vernehmen und einige so anmutige Weisheiten, dass er mich über eine halbe Stunde wie verzaubert hielt. Das alles war sehr hübsch, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass wir auf diesem Wege imstande sein würden, einen verlorenen Kopf zu finden. Er endigte damit, dass er mir die Fortsetzung meiner Arbeiten über die philosophisch - soziale Arithmetik strengstens verbat und zum Schluß, wie jemand der etwas nicht sagen will, ließ er einen Hinweis fallen, auf den hin ich sofort sein wahres Talent erkannte.
Wer hatte den Kopf? Um diese Unbekannte zu bestimmen, war es angebracht, dass ich in meinem Bewußtsein und in meiner Erinnerung alle meine weltlichen und gesellschaftlichen Verbindungen untersuchte. Welche Häuser und Kreise frequentierte ich? Mit wem verkehrte ich mit mehr oder weniger konstanter und ansteckender Intimität? War es nicht öffentlich und allgemein bekannt, dass meine Besuche bei der Marquise, Witwe des X..., aufgrund ihrer Häufigkeit und Dauer die Grenzen dessen überschritten, was die Höflichkeit vorschreibt? Könnte es nicht sein, dass ich bei einem der Besuche den Kopf verloren hatte, oder man ihn mir entführt und versteckt habe, wie als Geisel, um die nächste Rückkehr zu garantieren?
Dieser Hinweis leuchtete mir ein und ich war damit derart zufrieden, dass ich schon klar das Ende meines Unglücks sah und dem berühmten Doktor kaum noch meine Dankbarkeit bezeugen konnte, sondern ihn umarmte und fort hastete. Jetzt hatte ich keine Ruhe mehr, bis ich im Haus der Marquise vorsprechen würde, welche ich für die Autorin des lästigsten Streiches hielt, den je eine Frau erfinden konnte.

- VI -

Die Hoffnung beflügelte mich. Ich rannte durch die Straßen, bis mich die Erschöpfung dazu zwang, den Schritt zu verlangsamen. Die Leute nahmen meine schreckliche Verstümmelung nicht wahr, oder wenn sie es sahen, zeigten sie kein großes Erstaunen. Einige schauten mich wie erschrocken an: ich sah Überraschung in vielen Gesichtern, aber kein Grausen.
Es fiel mir ein, die Schaufenster der Geschäfte anzusehen und als Gipfel der Verwirrung zog mich nichts von allem, was ich sah, so stark an, wie ein Hutladen. Aber es war von Gott gegeben, dass eine neue und haarsträubende Überraschung meinen Geist verwirrte, mich der Freude beraubte, die ihn beanspruchte und mich in grausame Zweifel stürzte. In der Vitrine eines eleganten Friseursalons sah ich...
Es war der Kopf eines Herren, anbetungswürdig frisiert, mit kurzem Bart, blauen Augen, Adlernase... es war, endlich, mein Kopf, mein eigener und echter Kopf... Ach! Als ich ihn sah, raubte mir die Stärke des Gefühls fast das Bewußtsein... Es war mein Kopf, ohne weitere Unterschiede als die perfekte Frisur, denn ich hatte kaum Haare zu frisieren und dieser Kopf dort stellte eine prächtige Perücke zur Schau.
Gegensätzliche Gedanken durchkreuzten meinen Geist. War er es? War er es nicht? Und wenn er es war, wie war er dorthin gekommen? Wenn er es aber nicht war, wie konnte man die verblüffende Ähnlichkeit erklären? Ich hatte gute Lust, die Vorübergehenden mit diesen Worten anzuhalten: "Würden Sie mir einen Gefallen tun, und mir sagen, ob das hier mein Kopf ist?"
Es fiel mir ein, dass ich in den Laden gehen müßte, nachforschen, vorschlagen und zuletzt den Kopf um jeden Preis kaufen... Gedacht und getan, mit zittriger Hand öffnete ich die Tür und trat ein... Nachdem ich den ersten Schritt getan hatte, hielt ich befangen an und argwöhnte, dass meine enthauptete Anwesenheit Erstaunen und vielleicht Heiterkeit hervorrufen könnte. Aber eine wunderschöne Frau, die heiter und freundlich aus dem Hinterzimmer kam, lud mich zum Setzen ein und zeigte auf den nächsten Sessel mit ihrer schönen Hand, in der sie einen Kamm hielt.

 

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